Interview mit Christine Bleks (Tausche Bildung für Wohnen)

Christine_BleksIm Anschluss an unser Social Entrepreneurship Camp in Witten haben wir Christine Bleks, die Gründerin des mehrfach ausgezeichneten Sozialunternehmens Tausche Bildung für Wohnen interviewt. Das Gespräch ergab spannende Einblicke, unter anderem darüber, wie viel Durchhaltevermögen es teilweise benötigt, bis eine Idee Realität wird – und dass es sich (trotzdem) lohnt!

 

Liebe Christine, du warst kürzlich Referentin beim Social Entrepreneurship Camp an der Uni Witten/Herdecke – welche Eindrücke sind hängen geblieben?

Christine Bleks: Die Veranstaltung war gut organisiert und hat aus meiner Sicht eine gute Basis zum Thema vermittelt. Ich hatte den Eindruck, dass besonders die Praxisbeispiele der Referenten gut angekommen sind, da sie den Studierenden ein plastisches Bild von der Vielfältigkeit des Themas vermitteln konnten.

 

Zu welchem Thema hast du gesprochen? Wie läßt sich dein Vortrag zusammenfassen?

Ich habe versucht das Thema „Ideen generieren“ anhand ausgewählter Beispiele meines Unternehmens „Tausche Bildung für Wohnen“ zu verdeutlichen. Mir war es wichtig zu zeigen, dass man bestimmte Grundvariablen eines Sachverhalts auf unterschiedlichste Art interpretieren kann. Um ein Beispiel zu nennen: schaut man sich die Statistik zum Stadtteil Duisburg-Marxloh an, in dem „Tausche Bildung für Wohnen“ beheimatet ist, und liest: Von 19.000 Einwohnern haben 65% einen Migrationshintergrund, 23% sind arbeitslos, 44% beziehen Transferleistungen und 12% der Wohnungen stehen leer, dann kommt man nicht unbedingt auf die Idee, dass dieses „Milieu“ eine gute Umgebung und Grundlage bietet, um ein erfolgreiches Projekt zu gründen. Genau dies war aber für uns der Fall. Die Abwesenheit von etwas – z.B. Geld, Bildung, Image – sind Größen, mit denen sich wunderbar arbeiten läßt.

 

Dein Unternehmen “Tausche Bildung für Wohnen” behauptet, eine mögliche Antwort zu liefern, wie Integration und sozialer Frieden in unserer Gesellschaft gelingen können. Wie lautet die Antwort?

Deutschkurse und Ausbildungsplätze allein reichen nicht aus, damit Integration und sozialer Frieden in Deutschland gelingen können. 
Es müssen zugleich angstfreie Räume geschaffen werden, in denen sich junge Menschen jeglicher Herkunft begegnen und Gemeinsames erleben, 
sich lokal vernetzen und eine konkrete Zugehörigkeit entwickeln können. 

Genau das geschieht bei Tausche Bildung für Wohnen. Wir setzen uns ein für Kinder in Armut, Studenten, Azubis, Ruheständler, 
asylsuchende Menschen und Migranten und realisieren milieu- und generationen-übergreifende Begegnungen auf Augenhöhe zwischen ihnen allen.


 

Für welche sozialen Innovationen steht Tausche Bildung für Wohnen?

Engagierte sogenannte Bildungspaten geben ihr Wissen an die Kinder weiter: sie bieten Nachhilfe, Lernunterstützung, 
alters- und bildungsbezogene Förderungen und Selbstlernprozesse, organisieren eine altersgemäße Freizeitgestaltung an den Wochenenden 
und stehen den Eltern, Lehrern und Schulsozialarbeitern als Ansprechpartner und Übersetzer zur Verfügung. 
Im Gegenzug wohnen die Paten mietfrei für mindesten ein Jahr in den projekteigenen Wohnungen des Vereins.

Die Bildungspaten wirken also in mehrfacher Hinsicht: Zum einen unterstützen sie unmittelbar im Rahmen der Lernförderung 
in kleinen überschaubaren Gruppen jeweils vier Kinder. Zum anderen wirken sie vorbildlich in ihr neues Stadtviertel hinein, 
in dem sie vor Ort an der Gestaltung „ihrer“ neuen Community mitwirken, sich vernetzen und schließlich verankern.

 

Wie finanziert sich euer Projekt?

Es ist bei uns, wie bei den allermeisten Sozialunternehmen, ein Mix aus verschiedenen Quellen:
Wir hatten das unverschämte Glück, schon in der Konzeptionsphase mehrere hoch dotierte Preise für die Idee von „Tausche Bildung für Wohnen“ zu gewinnen und damit die ersten Schritt machen zu können.
Hinzu kam eine Anschubfinanzierung durch eine Subgesellschaft der Stadt Duisburg. Die Vodafone Stiftung ist seit Anbeginn ebenfalls ein äußerst treuer und loyaler Unterstützer und weitere kleinere Fördergeber, Privatleute, Fördermitglieder und Sachspender helfen seit Jahren. Hinzu kommen natürlich die steigenden Einnahmen aus dem Zweckbetrieb, nämlich die Nachhilfe und Lernförderung, die über das sog. Bildungs- und Teilhabepaket an uns fließen.

Wir haben vier Jahre gebraucht, um das Projekt an den Start zu bringen und haben vor einem Jahr mit drei Kindern und sechs Bildungspaten losgelegt. Heute, ein Jahr weiter, gehen bei uns mehr als 60 Kinder des Stadtteils bei uns ein- und aus.
Die an uns gerichtete Nachfrage nach Hausaufgabenbetreuung und Freizeitgestaltung vor Ort, aber auch in den anliegenden Stadtteilen,
ist enorm und nimmt immer stärker zu. Um dem Bedarf gerecht zu werden und unser Angebot ausweiten zu können, arbeiten wir derzeit an weiteren sozialen Innovationen. Unser Hauptziel ist es, schon bald selbstständig und komplett kostendeckend arbeiten zu können.
Tausche Bildung für Wohnen hat längerfristig das große Potenzial, bundesweit an weiteren Standorten in Deutschland etabliert zu werden 
und somit flächendeckend und stark verdichtet, innovative und kostengünstige Integrationsarbeit zu leisten.
Für die Weiterentwicklung und den Ausbau von Tausche Bildung für Wohnen möchten wir Unterstützer, Unternehmer, Sozialmäzene, Künstler, Kreative und alle Bürger im Land auf unsere aktuelle Spendenkampagne „Teil Dein Glück – 20x20x100“ aufmerksam machen. 


Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, besucht die zertifizierte Online-Spenden-Plattform www.crowd-charity.com/tbfw und 
findet dort alle Infos und gute Gründe für eine Spende.

 

 

Das schaue ich mir auf jeden Fall an! Zu guter Letzt: Welchen Tip hast du für Studierende, die sich dem Thema Social Entrepreneurship widmen wollen?

Ich hoffe, immer mehr Unis und Studierende werden sich für das Thema interessieren – gerade die Besten sollten sich für neue Lösungen sozialer und ökologischer Herausforderungen einsetzen. Ich finde, dass die Auseinandersetzung mit innovativen Ideen zu gesellschaftlich relevanten Themen unglaublich viel Spaß macht – es gilt hier zweimal um die Ecke zu denken und einen Mehr-Mehrwert zu schaffen: Geld als Unternehmer zu verdienen ist eine gute Sache. Geld als Unternehmer zu verdienen und dabei ein Problem anzugehen oder sogar zu lösen, ist eine umso bessere Sache☺

Nils Dreyer

Nils ist Unternehmer aus Leiderschaft. Er baute sein erstes Startup - eine Online-Quiz Community - parallel zu seiner Ausbildung auf. Während seines Studiums an der Universität Witten/Herdecke startete er mit Freunden eine Kommunalberatung, um kreative Konzepte der Bürgerbeteiligung zu implementieren. Nach seinem Abschluss gründete er Textprovider - inzwischen eine der führenden Online-Content-Marketing-Agenturen in Deutschland. Im Jahr 2014 übergab er das operative Geschäft an das Management-Team. Zusammen mit seinen zwei Freunden Carsten und Sönke initiierte er die Hilfswerft.

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